Das unperfekte Leben | Über Freiheit im Zeitalter der Daueroptimierung
Heute packe ich ein Thema an – da werdet ihr euch wahrscheinlich fragen, was das mit einem Reiseblog zu tun hat. Aber genau auf einer Reise durch Südfrankreich und hier, in Saint-Tropez, habe ich angefangen, darüber nachzudenken. Weil der Kontrast zwischen dem, wie sich das Leben in München und in Saint-Tropez anfühlt, ziemlich stark ist.
Jeder kennt das, der aus einer Großstadt kommt: Das Leben ist schnell. Voll mit Terminen, Deadlines und Verpflichtungen. Selbst mit guten Freunden muss man ein Treffen Wochen im Voraus planen. Spontanität? Fast unmöglich. Saint-Tropez, das den Flair vom alten Fischerdorf aus den 60ern noch voll erhalten hat, ist ein Gegenpol: ruhiger, leichter, schöner. Andere Frequenz. Kein ständiges Hetzen von Termin zu Termin, keine permanente Überflutung von Informationen und Ereignissen, keine dauerhafte Erreichbarkeit und auch nicht dieser unterschwellige Druck, immer besser, schneller, effizienter zu sein.
Und dann dachte ich mir:
Leute, so kann es nicht weitergehen.
Da läuft etwas schief.

Kurz danach bin ich auf ein Interview mit Günter Sachs gestoßen – aufgenommen 1997, aber erst vor einiger Zeit vollständig veröffentlicht. Das hat mich nicht mehr losgelassen. Was in seinem Interview so spürbar war – es war diese Freiheit von damals, als die Welt noch kein Internet kannte, als Jetset nicht dauernd auf Instagram präsent war, als wir noch nicht das perfekte Leben der anderen ständig vor Augen hatten. Heute, wo fast jeder online und auf Social Media zu finden ist, sehen wir dadurch das perfekt konstruierte Leben anderer Personen, vergleichen uns, machen uns selbst Druck, überwachen uns gegenseitig und verurteilen, wenn etwas dem Narrativ nicht ganz entsprechend läuft. Shaming, Blaming und Cancel Culture sind nicht umsonst so gängige Begriffe geworden.
„Der Ort und … die Bardot haben eine Philosophie mitgebracht, die total neu war. Sie wollten Individualisten sein und ihre Lebensphilosophie frei leben.
Das war echte Freiheit.“
Gunter Sachs, 1997


Die gesamte Welt und die Vorbilder sind heute viel komplexer geworden. Und fast unmöglich umzusetzen: Wir versuchen, bessere Fachkräfte zu sein, bessere Mütter, bessere Versionen von uns selbst – und das alles gleichzeitig. Immer perfekt gestylt, gut gelaunt, sportlich, organisiert, für alles vorbereitet. Selbstoptimierung, Effizienzdenken, Mindset, Biohacking und Self Branding. Wenn ich aufwache, mache ich als Erstes Insta auf und sehe, wie bei den anderen morgens um acht die Kinder fertig für die Schule sind, ein perfektes Frühstück auf dem Tisch steht, schon Sport gemacht, meditiert, ein frisches Brot und drei Kuchen gebacken, zwei Meetings erledigt und nebenbei noch ein halbes Business aufgebaut. Währenddessen stehe ich als reale Person um halb neun mit verwuschelten Haaren im Bad und versuche vergeblich, erstmal wach zu werden. Mein Gesicht im Spiegel ist definitiv weit von der besten Version von mir selbst entfernt. Und jedes Mal, wenn ich in den Insta-Feed schaue, habe ich das Gefühl, dass alle anderen ihr Leben komplett im Griff haben und nur ich die Einzige bin, die ständig versagt.
Noch ein Grund, warum das Leben heute mental so unkomfortabel geworden ist, sehe ich darin, dass wir Menschen für solche Geschwindigkeiten nicht gemacht sind. Wenn noch vor zwanzig Jahren eine B2B-Warenbestellung Tage gedauert hat und oft per Fax lief, läuft heute alles sekundenschnell und jeder, der beruflich gut integriert ist, bekommt täglich eine Überflutung an E-Mails. Laut Wissenschaftlern hat sich das menschliche Gehirn seit der Steinzeit nicht besonders verändert und schon gar nicht beschleunigt – die Technologien dagegen schon. So versuchen wir, moderne Menschen, mit unserem Stone Age Brain dem Ganzen hinterherzukommen und das auch noch perfekt zu meistern. Als Folge fühlt sich laut Statistik in Deutschland jeder Zweite von Burnout bedroht.
„Die neue Generation ist viel erstickter. In den Nachkriegsjahren war die Welt sehr offen für neue Dinge – und vor allem für Enthusiasmus. Jetzt ist es viel schwieriger, sich zu profilieren. Man schwimmt viel mehr mit und kann sich nicht richtig freischwimmen zu einem gewissen Individualismus. Wir haben es leichter gehabt.“
Gunter Sachs, 1997

Wir stehen mit einem Fuß noch im Gestern und mit dem anderen schon im Morgen. Kein Wunder, dass es sich so ungemütlich anfühlt – das ist der Preis für Weiterentwicklung.
Und genau da liegt vielleicht das Problem. Das raubt uns nicht nur die Freiheit, von der Günter Sachs gesprochen hat, sondern auch die Kreativität, die jedes Leben zum Entfalten braucht. Wir befinden uns gerade in einer Übergangsphase in ein neues Zeitalter, das eigentlich schon begonnen hat. Wir stehen mit einem Fuß noch im Gestern und mit dem anderen schon im Morgen. Kein Wunder, dass es sich so ungemütlich anfühlt – das ist der Preis für Weiterentwicklung. Ich nehme das in Kauf, ich profitiere auch von den Technologien, ich sehe viele Möglichkeiten, die uns KI bringt, und bin offen für alles Neue. Aber manchmal wird es mir auch zu viel, und dann möchte ich einfach nur noch nach St. Tropez flüchten. Dorthin, wo die Zeit stehen geblieben ist, wo der Flair aus den 60ern noch zu spüren ist und wo ich mir eine kleine Verschnaufpause von dem Ganzen gönnen kann.
Saint-Tropez ist für mich persönlich so etwas wie ein Naturschutzgebiet geworden, in dem ich nicht mehr auf Hochtouren funktionieren muss. Seine kleinen Gassen, der kleine Strand, der sich seit den Dreharbeiten mit Brigitte Bardot und Roger Vadim kaum verändert hat, der Senequier und die weißen Yachten im Golf de Saint-Tropez erinnern mich an eine Zeit vor der globalen Beschleunigung, in der das Leben anders war. Sorgloser. Offener. Spontaner. Einfach lebendiger. So unperfekt. Und so schön.

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