Cabo de Sao Vicente | Am Ende der Welt
Reisen ist nicht nur das Fahren von A nach B, sondern jedes Mal ein Erlebnis, das uns transformiert. Jede Reise ist eine Experience: Neue Locations schenken uns den Wow-Effekt, bereichern mit neuen Eindrücken und holen uns aus der Routine. Jede Reise ist auch ein emotionales Erlebnis: Wir sehen die Sonne, die hinter dem Horizont verschwindet, hören das Wellenrauschen, riechen den Duft von Eukalypten oder blühenden Magnolien und spüren die Wärme der Sonne auf der Haut. Es ist jedes Mal etwas Neues und Besonderes. Und genau so ein besonderes Erlebnis war für mich die Fahrt zum Cabo de Sao Vicente, die mich komplett verändert hat. Danach war ich nicht mehr dieselbe, sondern eine neue Version von mir – wie nach einem Reset und Update.

Cabo de Sao Vicente in Portugal ist der südwestlichste Punkt des europäischen Kontinents. Lange Zeit galt dieser Ort als das Ende der Welt. Damals wusste man nicht, ob es dahinter überhaupt noch etwas gibt – von dem kargen Felsen mit seinem Leuchtturm sieht man nur den endlosen Ozean. Wenn man geradeaus schaut, liegt auf der anderen Seite des Atlantiks fast auf derselben Ebene tatsächlich New York City. Und nicht nur die geografische Lage, sondern auch die mysteriöse Geschichte haben diesen Ort zu einer meiner absoluten Lieblingslocations gemacht.
DIE BESTEN ABENTEUER BEGINNEN IMMER UNERWARTET
Angefangen hat alles, als meine Tochter und ich spontan die Idee bekommen haben, in die Algarve zu fliegen, um dem Münchner Winter zu entkommen. Die Flugtickets und das Hotel waren schnell gebucht und schon saßen wir im Flugzeug nach Lissabon. Dort haben wir unser Mietauto am Flughafen abgeholt und gleich unsere Fahrt in die Algarve gestartet – wir konnten es kaum erwarten, die Küste zu sehen! In Portugal war ich schon oft und kannte den Weg von Lissabon in die Algarve gut. Die fast 300 km Autofahrt machen mir nichts aus, selbst nach einem dreistündigen Flug von München nach Portugal – die Autobahn in die Algarve ist neu, breit und kaum befahren.
Während meines dritten Portugal-Trips in diesem Jahr habe ich beschlossen, zum Leuchtturm von Cabo de Sao Vicente zu fahren, um ein paar Fotos für einen Blogpost über die Sehenswürdigkeiten der Algarve zu machen. Doch schon auf dem Weg zum Kap hatte ich das Gefühl, dass Cabo de São Vicente viel mehr sein würde als nur eine der vielen Sehenswürdigkeiten.

Die gesamte Küstenstrecke von Carvoeiro bis Lagos war geprägt von den typischen Landschaften der Algarve – gelbe Kalksteinfelsen, grüne Sträucher, der türkisblaue Ozean und der strahlend blaue Himmel. Doch nach Lagos änderte sich plötzlich die Landschaft: Die Felsen wurden von einem Hochplateau mit kaum Gras und fast ohne Bäume abgelöst, der Ozean wurde dunkler und der Himmel war nicht mehr strahlend blau, sondern matt und pastellfarben. Das absolut Erstaunlichste war das immer stärker werdende Gefühl, dass wir uns dem Ende der Welt näherten. Und es war auch tatsächlich so – vor uns lag das Ende des europäischen Festlands.
Der letzte Ort vor dem Cabo de Sao Vicente war Vila do Bispo, und danach führt die Straße direkt zum Leuchtturm. Allein dieser Teil des Weges hat sich schon gelohnt: Eine gerade, fast schnurgerade Straße zieht sich bis zum Horizont, zum dunklen Silhouette des Leuchtturms, der vor dem riesigen orangefarbenen Sonnenuntergang hervorsticht. Auf beiden Seiten der Straße – flaches Land, vom Sonnenbrand gebräuntes Gras und keinerlei Bäume, was so gar nicht den typischen, bunten Landschaften der Südküste Portugals entspricht. Und was ich weiter auf der Fahrt gesehen habe, hat mir fast den Atem geraubt: Direkt vor mir hat sich ein riesiges, felsiges Plateau erhoben. Da die Straße sanft nach unten führte, ist das Plateau langsam direkt vor dem Auto hochgekommen, fast wie in einem Film, in dem die Mars-Landschaft mit einer langsam steigenden Drohne aufgenommen wird.

CABO DE SÃO VICENTE: EIN MAGISCHER ORT AM ENDE DER WELT
Das Wichtigste beim Besuch von Cabo de Sao Vicente war, die Fahrtzeit so zu berechnen, dass wir pünktlich zum Sonnenuntergang ankommen würden. Was ich dort gesehen habe, werde ich nie vergessen: Den Sonnenuntergang und die flammenden Farben des Himmels, wie die brennende Sonne in den eisigen Wellen des Ozeans eintaucht, die mit einem gewaltigen Rauschen gegen die Felsen schlagen.


Am Kap waren wir nicht alleine – selbst im Winter ist der Parkplatz komplett voll und viele Menschen waren da, um sich diesen fast surrealen Sonnenuntergang anzuschauen. Viele saßen auf den Felsen, eingewickelt in Decken, mit Thermoskannen und Kameras bereit. Ein paar Sonnenuntergangsjäger hatten sich sogar in Rettungs-Aluminiumsdecken gewickelt – schließlich war es richtig kalt. Wir haben das Problem mit der Kälte anders gelöst: Ich habe direkt an der Klippe geparkt, damit wir die beste Aussicht auf den Leuchtturm und die untergehende Sonne direkt aus dem warmen Auto genießen konnten.

Je länger ich auf dem Kap war, desto stärker hatte ich das Gefühl von etwas Mystischem. Es war wie im Film, wenn man mit dem sechsten Sinn spürt, dass etwas passiert, aber noch nichts sieht und nicht versteht, was genau das ist. Das Erstaunlichste, was mir hier passiert ist, waren genau diese Gefühle. Es gibt so viele schöne Orte auf der Welt, aber Cabo de Sao Vicente ist nicht nur ein schöner Ort, es hat eine ganz besondere Energie. Später habe ich in der Wikipedia gelesen, dass Cabo de Sao Vicente seit der Neolithischen Zeit ein heiliger Ort war. In der Umgebung findet man Menhire – so eine Art Stonehenge. Die Griechen nannten diesen Ort das Land der Schlangen, und für die Römer war es ein magischer Ort am Ende der Welt, an dem die Götter wohnten. Es stellte sich heraus, dass ich, ohne vorher etwas über diesen Ort zu wissen, genau das gespürt habe, was ich später in der Wikipedia gelesen habe – und dasselbe, was schon die alten Griechen und Römer vor Tausenden Jahren gefühlt haben!

Und genau hier ist etwas ganz Erstaunliches passiert, das ich bis heute nicht erklären kann: der Ozean, die Felsen und die raue Schönheit des Atlantiks haben in mir etwas verändert. Noch auf dem Weg zum Cabo de Sao Vicente war ich die gestresste Münchnerin, überfordert von der Vielfalt unserer täglichen Aufgaben und dem ständigen Multitasking. Die, die genau weiß, wie man funktioniert aber vergessen hat, wie man einfach lebt – ohne Deadlines und Pläne.


Als ich hier war und wie in Trance auf den Ozean, den leuchtenden Himmel und den Leuchtturm geschaut habe, ist genau das passiert: ich bin eine Andere geworden. Eine, die plötzlich alle Sorgen und Gedanken losgelassen hat. Es hat sich so angefühlt, als könnte ich freier atmen, besser hören und klarer sehen – alle meine Sinne waren plötzlich geschärft. Ich war wach, so hellwach, wie es kein Kaffee je schaffen würde. Ich habe mich so real und lebendig gefühlt wie noch nie zuvor. Ein unglaubliches Gefühl von Ruhe und Frieden hat sich in mir ausgebreitet und in diesem Moment wusste ich ganz sicher: dieser Ort ist wirklich magisch.

Normalerweise glaube ich an nichts Außergewöhnliches und vertraue nur auf das, was wissenschaftlich bewiesen ist. Diese Transformation konnte ich mir nicht erklären und trotzdem war sie so deutlich spürbar! Vielleicht habe ich bis heute keine Erklärung dafür, aber eins weiß ich sicher: wenn man kurz vor dem Sonnenuntergang hierherkommt, sich die Sturmböen und das Kreischen der Möwen anhört, den leuchtenden Himmel und den wilden Ozean anschaut, findet man wieder zu sich selbst. Zu der Version von sich, die man vielleicht schon lange vermisst und hier wiedergefunden hat. Vielleicht sogar so, wie man sich vorher noch nie gekannt hat.


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